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«8 Prozent. Mit Systemen aus dem Jahr 1963.» Die Schweizer Luftabwehr: Warum die Entscheidung noch diesen Sommer fallen muss

Aktualisiert: 6. Mai



Die Schweiz kann 8 Prozent ihres Territoriums vor Luftangriffen schützen. Mit Kanonen aus dem Jahr 1963, Reichweite fünf Kilometer. Das sagt nicht ein Kritiker. Das sagt der Rüstungschef der Schweizer Armee selbst – Urs Loher, Direktor von Armasuisse, im Interview mit der NZZ. Der Satz verdient mehr als einen Nachrichtenartikel. Er verdient eine Erklärung, wie man dort hinkommt.


Wie sind wir hier?


Die Antwort beginnt 1989 – nicht mit dem Mauerfall, sondern mit dem, was danach folgte. Dreissig Jahre Friedensdividende. Jede Legislatur, jede Partei, jede Regierung hat die Armee als Einsparpotenzial betrachtet. Die Totalrevision 1995, die Armee XXI 2004, die Weiterentwicklung der Armee 2018 – jede Reform war auch eine Kürzung.


Die Luftabwehr war dabei besonders verletzlich. Sie ist teuer, komplex und im Frieden unsichtbar. Das Rapier-System, 1984 eingeführt, wurde 2022 ausser Dienst gestellt – ohne gleichwertigen Ersatz. Die Stinger-Raketen aus den 1990ern können Helikopter abwehren. Gegen moderne Kampfjets, Drohnen und Marschflugkörper sind sie wertlos.


Die Akteure und ihre Interessen


Urs Loher sitzt seit August 2023 an der Spitze von Armasuisse. Er ist kein Politiker – er kommt

von Rheinmetall und Thales, kennt die Industrie, spricht offen. Das macht ihn unbequem. Er sagt:

«Wir hinken überall hinterher.» Er sagt: «Da kann man sich ohnmächtig fühlen.» Das sind keine

Sätze, die Bundesräte sagen.


Martin Pfister, Mitte, VBS-Vorsteher, hat das Dossier geerbt. Die MWST-Finanzierung der Armee,

sein erstes grosses Projekt, hat im Parlament keine Mehrheit. Er trägt das Problem, ohne bisher die

Lösung präsentiert zu haben.


Der Bundesrat hat am 6. März entschieden: Die Schweiz sucht ein zweites Langstrecken-

Luftabwehrsystem, zusätzlich zu den verzögerten Patriot-Systemen (Lieferung: frühestens 2034

statt 2026–28). Armasuisse hat in vier Ländern Informationen angefragt.


Was evaluiert wird


Fünf Systeme sind in der engeren Auswahl, der «Bundeshaus Insider» berichtete:


  • Samp/T New Generation (Frankreich/Italien, Eurosam): Der europäische Favorit. Reichweite über 150 km, Abfangdecke 30 km, wirksam gegen ballistische und hypersonische Raketen. Dänemark hat 2025 acht Systeme für 7,8 Milliarden Euro bestellt. Bis zu zwölf europäische Länder interessieren sich. Frankreich hat ein strategisches Interesse an einem gut gesicherten Schweizer Luftraum – das beschleunigt die Verfügbarkeit.

  • David's Sling (Israel/USA, Rafael/Raytheon): Kampferprobt, Reichweite 300 km. Problem: Koproduktion mit den USA bedeutet weiterhin amerikanische Abhängigkeit – und ein israelisches System könnte innenpolitisch heikel sein.

  • L-SAM (Südkorea, Hanwha): Bemerkenswerte Abfangdecke von 60 km. Wenig erprobt. Korea ist bereits mit Rüstungsprojekten in Polen vertreten – aber kein etablierter europäischer Lieferant.

  • Arrow 2 (Israel/USA): Entwickelt für ballistische Interkontinentalraketen. Für die Schweizer Bedürfnisse wohl überdimensioniert – und dieselben politischen Probleme wie David's Sling.

  • Iris-T SLX (Deutschland, Diehl Defence): Leistungsfähiger als das bereits beschaffte Iris-T SLM. Produktionsstart voraussichtlich 2029 – zu spät für eine Übergangslösung.


Szenarien

Szenario A: Die Schweiz entscheidet sich vor den Sommerferien für Samp/T New Generation. Das System kann bis 2029 geliefert werden. Die Entscheidung erfordert eine direkte Beschaffung ohne lange Evaluationsphase – was politisch ungewohnt ist, aber angesichts der europäischen Nachfrage das einzig realistische Fenster darstellt.

Szenario B: Die Schweiz evaluiert weiter, verliert das Lieferfenster, und bekommt frühestens 2031– 32 ein zusätzliches System. Zwischen Patriot (2034) und einer allfälligen Samp/T-Lieferung (2031+) bleibt die Lücke von zehn Jahren ohne ernstzunehmende Langstrecken-Luftabwehr bestehen.


Diagnose


Loher sagt: «Wir haben genug Papier produziert. Wir müssen handeln.» Das ist der ehrlichste Satz, den ein Schweizer Rüstungsverantwortlicher seit Jahren öffentlich gesagt hat.


Das Parlament streitet über MWST-Prozentpunkte. Das VBS schreibt Berichte. Die Stinger-Raketen aus den Neunzigerjahren rosten. Und Deutschland, das 24 Prozent mehr in die Verteidigung investiert als im Vorjahr, bezeichnet die Schweiz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inzwischen als «Sicherheitsrisiko».


Das ist keine Drohung. Das ist eine Diagnose. Von aussen.


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