Das Unispital und die Götter in Weiss: Warum 70 Tote möglich waren
- Yannick Güttinger

- 6. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Francesco Maisano kam 2015 ans Universitätsspital Zürich. Er brachte Renommee, internationale Netzwerke, eine Forscherbiografie. Das USZ war stolz.
Er brachte auch etwas anderes mit: Geräte, die er selbst mitentwickelt hatte – und an denen er mitverdiente. Geräte, deren Langzeitwirkung nicht erforscht war. Geräte, die er trotzdem einsetzte. An Patienten, die nicht vollständig aufgeklärt wurden. An verhältnismässig jungen Patienten, für die konventionelle Operationen risikolos gewesen wären.
Das «Cardioband» – eines dieser Geräte – ist seit 2024 in Europa nicht mehr zugelassen.
Die Zahlen
Heute hat eine unabhängige Kommission unter dem früheren Bundesrichter Niklaus Oberholzer ihren Bericht vorgestellt. Er ist schonungslos.
Zwischen 2016 und 2020 starben in der Klinik für Herzchirurgie des USZ unter Maisanos Leitung 68 bis 74 Menschen mehr als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Elf davon stuft die Kommission als «nicht erwartbar» ein. 64 weitere als «eher nicht zu erwarten». Dazu kommen 13 Fälle, in denen unangemessene Medizinprodukte eingesetzt wurden.
Das sind keine Behandlungsfehler im üblichen Sinne. Das ist eine Mortalitätskurve, die jahrelang über dem Durchschnitt lag – und über die niemand geredet hat.
Die Akteure und ihre Interessen
Maisano wusste, was er tat. Das ist die härteste Aussage des Berichts: Er habe das Patienteninteresse nicht in den Vordergrund gestellt, sondern sein Interesse an experimenteller Behandlung und an den Geräten, an denen er Mitentwickler und Mitverdiener war.
Der Spitalrat wusste es nicht – oder nicht genug. Bereits 2017 wurden Auffälligkeiten gemeldet. Die Spitaldirektion antwortete 2020 noch immer, die Patientensicherheit sei nicht gefährdet.¹ Martin Waser, damaliger Spitalratspräsident, trat per Ende Juni 2021 zurück. Thomas Heiniger, der als Zürcher Gesundheitsdirektor die politische Aufsicht führte, war in dieser Zeit im Amt. Beide haben in ihren Amtszeiten nicht durchgegriffen.
2019 hätte Maisano von seinem Stellvertreter abgelöst werden sollen. Der Prozess scheiterte. Warum, bleibt unklar – «ausser dem Widerstand des Betroffenen», hält der Bericht fest.
Der Zürcher Kantonsrat hat 2021 eine Untersuchung angeordnet – und in einem eigenen Bericht die Medienberichterstattung des Tages-Anzeigers als «Kampagne» gegen einen unbescholtenen Chirurgen bezeichnet. Heute bestätigt der Untersuchungsbericht die Recherche vollumfänglich.
Szenarien
Drei Mitglieder des damaligen Spitalrats legen ihr Mandat nieder, um einen personellen Schnitt zu ermöglichen. Das USZ hat seit 2022 eine neue Führung. Die Mortalität liegt wieder im Durchschnitt.¹ Das Strafrecht wird eingeschaltet: Drei Fälle – zwei Todesfälle, ein falsch eingesetztes Gerät – hat das USZ selbst zur Anzeige gebracht.
Ob das Strafverfahren zu einer Verurteilung führt, ist offen. Die Verjährungsfragen sind komplex. Die Beweislage ist schwierig. Wer gezielt nicht hingeschaut hat, hat in der Regel keine Protokolle hinterlassen.
Was bleibt: das strukturelle Problem. Das USZ ist kein Sonderfall. Die Kultur der «Götter in Weiss» – unkritisierbarer Starchirurgen mit diffuser Verantwortung, hohen Nebeneinkünften und internen Königreichen – ist in der Schweizer Spitalhierarchie verbreitet. Interessenkonflikte zwischen klinischer Leitung und Medizingeräteherstellern sind gesetzlich schlecht reguliert.
Diagnose
Das Systemversagen am USZ hatte drei Schichten. Die erste: ein Arzt, der seinen kommerziellen Interessen über das Patienteninteresse stellte. Die zweite: eine Institution, die Warnsignale ignorierte, weil Renommee und «kein Skandal» wichtiger waren als Transparenz. Die dritte: eine politische Aufsicht, die erst handelte, als nichts mehr zu retten war.
Alle drei Schichten existieren in anderen Schweizer Spitälern auch. Was fehlt, sind verbindliche Interessenbindungsregister – und eine externe Aufsicht, die nicht nur nach Beschwerden reagiert, sondern proaktiv prüft. Das USZ will das jetzt intern einführen. Das ist gut. Es reicht nicht.
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