Null Schutz, fünf Systeme, ein Entscheid bis Sommer – die Schweizer Luftabwehr sucht sich eine zweite Chance
- Yannick Güttinger

- 4. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Mai
Der neue Armeechef Benedikt Roos hat es im Frühjahr auf den Punkt gebracht: Die Schweiz hat «praktisch nichts», um sich gegen Bedrohungen aus der Luft zu schützen. Nichts. Null. Die Fliegerabwehrkanonen stammen aus den 1960er-Jahren, die Stinger-Raketen aus den 1990ern – beide geeignet gegen Kampfhelikopter, nicht gegen ballistische Raketen oder Hyperschallwaffen.
2022 bestellte die Schweiz fünf Patriot-Systeme für 2 Milliarden Franken. Sie sollten 2026 bis 2028 geliefert werden. Die USA haben die Liefertermine zweimal verschoben. Frühestens 2034.
Das ist die Ausgangslage. Sie ist schlecht. Was jetzt kommt, ist die Frage, ob der Bundesrat besser wählt als letztes Mal.
Die fünf Kandidaten
Armasuisse hat Informationen bei Herstellern aus vier Ländern angefragt: Deutschland, Frankreich, Israel und Südkorea. Die Systeme im Überblick:
Das Samp/T New Generation (Eurosam, Frankreich/Italien) ist der europäische Favorit. Die Schweiz evaluierte die Vorgängerversion 2019/2020 – Patriot gewann. Inzwischen wurde das System stark weiterentwickelt: Reichweite über 150 Kilometer, Abfanghöhe 30 Kilometer, einsatzfähig gegen Hyperschallraketen. Dänemark hat 2025 acht Systeme für 7,8 Milliarden Euro bestellt. Bis zu zwölf europäische Staaten bemühen sich darum.
Das David's Sling (Rafael/Raytheon, Israel/USA) hat eine Reichweite von 300 Kilometern. Es ist kampferprobt – bewährt im 12-Tage-Krieg gegen den Iran. Nachteil: Koproduktion mit dem US-Unternehmen Raytheon. Die Schweiz wäre wieder in US-Abhängigkeit. Und ein Luftabwehrsystem aus Israel würde politische Debatten auslösen, die über das Militärische hinausgehen.
Das Iris-T SLX (Diehl Defence, Deutschland) soll ab 2029 in Produktion gehen – leistungsstärker als die Iris-T SLM-Variante, die die Schweiz bereits für die mittlere Reichweite beschafft hat. Noch keine Einsatzerfahrung.
Das L-SAM (Hanwha, Südkorea) hat eine Abfanghöhe von bis zu 60 Kilometern – ungewöhnlich hoch – und eine Reichweite von 150 Kilometern. Es ist wenig erprobt. Südkorea baut seinen europäischen Fussabdruck gerade aus, hilft Polen beim Aufbau von Produktionskapazitäten.
Dazu kommt möglicherweise Arrow 2 – ein Gemeinschaftsprodukt Israel/USA – ebenfalls aus Israel.
Die politische Dimension
Frankreich hat ein Eigeninteresse daran, dass die Schweiz Samp/T kauft: Frankreich sieht Lücken in
der Luftverteidigung Richtung Osten – in der Schweiz und in Österreich. Das macht Samp/T zum
wahrscheinlichsten Kandidaten. Und zu einem, bei dem die Preisverhandlung komplizierter sein
wird als normal.
Die Israel-Frage ist real. David's Sling ist kampferprobt und leistungsfähig. Aber ein Schweizer
Rüstungskauf aus Israel in der aktuellen geopolitischen Lage ist nicht dasselbe wie ein technischer
Beschaffungsentscheid. Der Bundesrat weiss das.
Die Geldfrage bleibt ungeklärt. Die Patriot-Systeme kosten 2 Milliarden. Samp/T kostet in
vergleichbarer Konfiguration ähnlich viel. Woher das Geld kommt – ob aus dem regulären
Armeebudget oder als Sonderkredit – ist politisch noch nicht entschieden.
Diagnose
Die Entscheidungsfrist ist realistisch: Informationen bis Ende Mai, Bundesratsentscheid vor den
Sommerferien. Das ist sportlich, aber machbar. Was nicht machbar ist: ein langer
Evaluationsprozess in Friedenszeiten-Logik, wenn Europa seit drei Jahren aufrüstet und die
Lieferketten international erschöpft sind.
Die Schweiz hat die Patriot-Bestellung verpasst. Sie hat 2022 richtig entschieden – und wurde von
Washington im Stich gelassen. Jetzt besteht die Chance, das Richtige schneller zu tun.
Direktbeschaffung, europäische Produktion, Liefertermin vor 2030. Wer diese drei Kriterien nicht
erfüllt, hat das Richtige nicht getan. Er hat es notiert.
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