Zivildienst: Die Armee braucht Männer. Die Gesellschaft auch. Am 14. Juni entscheidet das Volk.
- Yannick Güttinger

- 4. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Mai
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Zivildienstrevision ab. Die Frage ist einfacher, als sie klingt: Wer hat mehr Recht auf die Diensttage junger Männer – die Armee oder die Spitäler?
Die Fakten: Das Parlament hat 2024 beschlossen, den Wechsel vom Militär zum Zivildienst zu erschweren. Wer nach der Rekrutenschule wechseln will, muss künftig mindestens 150 Tage Zivildienst leisten. Wer alle Militärausbildungstage absolviert hat, kann überhaupt nicht mehr wechseln. Laut Bundesrat dürften die Zulassungen um 40 Prozent sinken.
Dagegen haben die Jungen Grünen und der Zivildienstverband Civiva das Referendum ergriffen – unterstützt von SP, Grünen und GLP. Die bürgerliche Mehrheit aus SVP, FDP und Mitte steht hinter der Revision.
Die Ausgangslage ist offen: 46 Prozent Ja, 46 Prozent Nein, 8 Prozent unentschlossen, so die erste Umfrage von Tamedia und 20 Minuten.
Die Details: Die Zahlen des Status quo sind unbestreitbar. 7211 Personen haben sich 2025 zum Zivildienst
angemeldet – so viele wie nie. Über 60'000 Diensttaugliche sind beim Zivildienst eingeteilt. Etwa ein Drittel hatte bereits einen Teil des Militärdienstes absolviert, bevor er wechselte.
Die Armee sagt: Das zerstört Bestände. Stefan Holenstein, Präsident des Verbands Militärischer Gesellschaften, formulierte es knapp: Nur ein Drittel der Truppen sei voll einsatzbereit, acht Prozent des Luftraums seien geschützt.
Die Zivildienstverbände sagen: Das sind falsche Zahlen. Die Armee hat Zigtausende Soldaten, die auf dem Papier mobilisierbar sind, aber nicht in den offiziellen Beständen geführt werden. Das Problem liegt woanders.
Und dann ist da die Gegenseite der Medaille: 40 Prozent weniger Zivildienstleistende fehlen in Spitälern, Altersheimen, Schulen, Naturschutzorganisationen. Das ist die Konsequenz, die in der Parlamentsdebatte zu wenig gewichtet wurde.
Der Haken: Die Revision löst das eigentliche Problem nicht. Wer den Wechsel zum Zivildienst unattraktiver macht, zwingt niemanden in die Armee. Der Bundesrat räumt es selbst ein: Die Armee gewinnt weniger, als der Zivildienst verliert. Der Gegner wird den «blauen Weg» nehmen – sich medizinisch für untauglich erklären lassen. Das Ergebnis: Weniger Zivildienstleistende, nicht mehr Soldaten.
Die Gesetzgeber wollten einen Zivildienst, der echten Gewissenskonflikten vorbehalten bleibt. Das ist ein legitimes Ziel. Aber die gewählten Mittel – 150-Tage-Mindestdienst, Sperrung nach vollständiger Ausbildung – sind stumpf. Sie bestrafen, ohne zu lenken.
Meine Beurteilung: Das Referendum hat recht in einem Punkt: Die Revision ist handwerklich schlecht. Sie trifft die Falschen – die Zivildienstleistenden, die Spitäler brauchen – und verfehlt die Richtigen – die Opportunisten, die nach der RS den einfachsten Ausweg suchen.
Aber die Armee ist nicht verteidigungsfähig. Das ist auch richtig. Diese Spannung ist real, und wer so tut, als hätte der Zivildienst damit nichts zu tun, ist nicht ehrlich.
Das Volk wird am 14. Juni entscheiden, welche Knappheit ihm wichtiger ist: die militärische oder die soziale. Eine gute Antwort auf diese Frage bietet die Revision nicht. Das Referendum auch nicht.
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